Broschüre Zürcher Journalistenpreis 2010

Im Mai 2010 gewannen Lukas Messmer und ich den Zürcher Journalistenpreis für unsere Reportage “Die Endstation” in der Zürcher Studierendenzeitung (ZS).

Laudatio (Margrit Sprecher)

Die Begründung für diesen Preis ist so simpel wie selten: pure Leselust. Das erstaunt umso mehr, als die Reportage in die Gräbli-Bar führt, in einen verrauchten, stinkenden Schlund, der die Gäste – Randständige kurz vor dem end- gültigen Absturz zumeist – verschluckt und erst nach Stunden wieder ausspuckt. «Du gahsch jetzt hei, alti Guggere», herrscht Barkeeper Günther die Greisin an. Doch sie wird noch gute weitere acht Stunden sitzen bleiben, und die beiden Autoren, ganz Reporter der guten, alten Schule, damit. Mal fährt der schwule Ibrahim seinen Rollstuhl an ihren Tisch. Mal bietet ihnen einer Gras an und erzählt, wie seine Chüngel «zickzack laufen», wenn er ihnen das Zeug verfüttert. Morgens um sechs teilt ein Reporter seinen Stuhl mit einer tschechischen Stripperin, und als sie um zehn Uhr vormittags endlich aus der Gräbli-Bar taumeln, waren sie 24 Stunden im einzigen Niederdorf-Lokal, das am Wochenende rund um die Uhr geöffnet hat.

Lukas Messmer und Christian Kündig haben sich mit ihrem Beitrag in der «Zürcher Studierendenzeitung» in der Kategorie Nachwuchs beworben. Das erklärt die Frische ihres Blicks und ihrer Sprache und die Freude am Erleben. Die lottrige Klimaanlage hängt über ihren Köpfen wie das Schwert des Damokles. Die Barhocker haben «rekordverdächtiges Gewicht, wobei unklar bleibt, ob durch Zufall, als Diebstahlsicherung oder zwecks Gleichgewichtshilfe». Nützlich ist dies, folgert das Team, auf jeden Fall.

Doch die überraschenden Zusammenhänge und Bilder sind nicht alles. Es ist auch die Haltung. Andere Journalisten – was heisst andere: die meisten! – würden sich voller Mitleid über die Köpfe der Gestrandeten beugen, die zwischen Rotweinglas und Aschenbecher liegen. Unser Reporterteam dagegen umschifft instinktsicher die Klippen der wohlfeilen Gefühle und Clichés. Ihr Text ist grundiert vom wohlwollenden Inte- resse an allen Ausformungen des Lebens, und die Spelunke erscheint als einer der letzten Orte Zürichs, wo man sofort mit allen im Gespräch ist. Hier kann man sich selbst bleiben, hier herrscht absolute Demokratie. Die Barmänner knallen das Bier allen Gästen auf gleiche Weise auf den Tisch – egal ob sie im Hawaiihemd, Businessanzug oder Strip-Outfit hereinspazieren.

Wir gratulieren unsern beiden jungen Kollegen von Herzen und wünschen ihnen, dass sie die Gabe, die Dinge anders zu sehen, auch dann nicht verlieren, wenn die Reportage zu Routine wird und sich statt Gräbli Schluchten vor ihnen auftun.

Christian Kündig

Gerne würde ich hier analog den anderen Preisträgern die Stationen meiner Laufbahn beschreiben. Aber trotz nun gut zwei Jahren bei der «Zürcher Studierendenzeitung» verstand ich mich nie auch nur entfernt als Journalist – mein Studium der Wirtschaftsinformatik bot schliesslich auch jede Menge näherliegende Karrieren als den professionellen Journalismus. Als dessen Aussenseiter beschränkte sich meine bisherige Erfahrung auf das Verfassen einiger Kolumnen in der ZS und die obligatorischen akademischen Machwerke (und das Erschleichen einer Presseakkredition für das Zürcher Filmfestival).

Ums trotzdem zu versuchen: Nachdem ich mich im Herbst 2007 zu einer semi-regelmässigen Wirtschaftskolumne in der ZS überreden liess (wo ich bis heute der einzige Vertreter der Wirtschaftsfakultät blieb) und mir diese bald auch wieder gleichermassen anstrengend und langweilig wurde, schrieb ich lieber unregelmässig über Studium, Bands, Alkoholkonsum und alles, was Studenten sonst noch interessieren könnte. Öfter als selber zu schreiben, gebe ich genussvoll den jungen Pressekonsumenten, vor dessen Aussterben sich Redaktionen auf der ganzen Welt fürchten – generationsunkonform auch gerne gedruckt. Aber selbst wenn sich mit dem Studium nun auch meine Zeit bei der ZS zu Ende neigt, hoffe ich trotzdem, gelegentlich mehr als nur Postkarten oder Geschäftskorrespondenz verfassen zu dürfen.

Lukas Messmer

Wahrscheinlich brutzelte ich gerade Hamburger über einem Feuer irgendwo in der kanadischen Wildnis, als ich den Entschluss fasste einmal schreiben zu wollen. Das war vor fünf Jahren, in meinen ersten Semesterferien an der Universität Zürich. Zurück in der Schweiz rief ich den Chefredaktor der brandneuen Regionalausgabe des «Tages-Anzeigers» an. Er gab sich trotz meiner Unwissenheit – «Nein, eigentlich habe ich noch nie geschrieben…» – freundlich und versprach, mich auf die Liste der Freien zu setzen. Wahrscheinlich fehlte es an Personal. Zwei Tage später jedenfalls schrieb ich über eine stinklangweilige Feuerwehrübung in einem Provinzdörfchen im Zürcher Oberland. Der Text war so richtig mies. Auf der Liste der freien Mitarbeiter blieb ich wohl nur wegen dem Foto, das war gut, wie der Redaktor mehrmals betonte. Den Artikel selbst erwähnte er mit keiner Silbe. Seither habe ich mich als freier Mitarbeiter für verschiedene Zeitungen verdingt. Ein interessanter und durchaus lohnender Nebenjob.

Richtig gerne und viel geschrieben habe ich erst bei der «Zürcher Studierendenzeitung». Irgendwie bin ich während meinem Geschichtsstudium in die Redaktion gerutscht. Dort, im dritten Stock einer hübschen alten Villa an der Rämistrasse, konnten wir tun und lassen, was wir wollten. In einem alten Ordner fanden wir eines Abends das Credo unserer Vorgängerredaktion: «Lieber drucken wir den Arsch des Chefredaktors als etwas Langweiliges.» Soweit kam es nie, aber wir alle in der Redaktion genossen und geniessen noch heute die Freiheit, eine Zeitung von A bis Z durchzugestalten.

Berichterstattung: